“Nur jetzt nicht noch nachträglich krepieren!”


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Victor Klemperer am 2. Oktober 1954 (2)

Eine Geschichte zu den Luftangriffen auf die Stadt Dresden vom 13. und 14. Februar 1945.

 

 

Ja, der Jahrestag der Luftangriffe auf Dresden liegt nun auch schon wieder fast 4 Wochen zurück, dennoch wollte ich noch etwas dazu schreiben. So sind wir historisch interessierten Menschen nun mal, immer ein wenig spät dran. Liegt in der Natur der Dinge.

Momentan bin ich im dritten Bachelorsemester meines Geschichtsstudiums und schreibe derweil eine Seminararbeit im Rahmen meines Kurses "Der Nationalsozialismus. Die Zweite Geschichte". Dabei bin ich auf eine interessante Persönlichkeit gestoßen. Diese war ein Zeuge der verheerenden Luftangriffe auf die Stadt. Es handelt sich dabei um Victor Klemperer.

 

 

 

 

Der 13. Februar 1945.

In seinen Ausführungen schildert er die brennenden Gebäude in der Stadt an der Elbe.

 

“Ich stand dann oben, im Sturmwind und Funkenregen. Rechts und links flammten Gebäude, das Belvedere und - wahrscheinlich . die Kunstakademie. Immer wenn der Funkenregen an einer Seite zu stark wurde, wich ich nach der anderen zu aus. Im weiteren Umkreis nichts als Brände. Diesseits der Elbe besonders hervorragend als Fackel der hohe Aufbau am Pirnaischen Platz, jenseits der Elbe weißglühend, taghell das Dach des Finanzministeriums.”  (Klemperer, 1995, S. 664.)

 

Er schreibt darüber, wie er und seine Frau, die sich zwischenzeitlich im Chaos getrennt hatten, es gerade schafften, dem Tod in dieser Nacht zu entgehen. Die Sorge über das Wohlergehen seiner Frau drückte er wie folgt aus: "Allmählich kamen mir Gedanken. War Eva verloren, hatte sie sich retten können, hatte ich zu wenig an sie gedacht?” (Ebd., S. 664.)
 In folgenden Worten schreibt er über den Beginn des Tages:

“Nun war also Mittwoch morgen, den 14.2., und wir hatten das Leben gerettet und waren beisamen (sic!).”  (Ebd., S. 666.)

Die Nacht überlebt, dem Tod entkommen?

Klemperer schreibt, nach einiger Zeit haben er und seine Frau Eva sich mit ein paar anderen Überlebenden in der Nähe des jüdischen Friedhofs versammelt. Von dort gingen sie weiter und suchten nach Überlebenden in der Zeughausstraße. Dann begaben sie sich zur Brühlterasse. Auf dem Platz vor ihnen hielt ein "Sanitätsmobil" und das Personal versorgte die Augen der Überlebenden, indem sie gereinigt wurden. Kurz nachdem Klemperers Augen gesäubert wurden, hörte er “dass bösartig stärker werdende Summen eines rasch näher kommenden und herunterstoßenden Flugzeugs”. (Ebd., S. 669.) Er schildert nun die Eindrücke eines erneuten Luftangriffs:

 

“Ich lief rasch auf die Mauer zu, es lagen schon mehr Menschen dort, warf mich zu Boden, den Kopf gegen die Mauer, das Gesicht in die Arme gelegt. Schon krachte es, und Kriegsgeröll rieselte auf mich herab. Ich lag noch eine Weile, ich dachte: ‘Nur jetzt nicht noch nachträglichkrepieren!’ Es gab noch einige entfernte Einschläge, dann wurde es still.”
(Ebd., S. 669.)                    
                                                                          

 

Später wurde er und seine Frau mit Verwundeten aus der Stadt transportiert.

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Gedenktafel für Victor Klemperer in der Weimarische Straße 6a, Berlin-Wilmersdorf (3)

Victor Klemperer - eine besondere Erzählung?

Was ist nun so besonders an der Geschichte des

Victor Klemperer?

Könnte nicht jeder Überlebende aus Dresden so etwas geschrieben haben?

Nein, Klemperer hat die Luftangriffe miterlebt und überlebt. Doch anders als für die Meisten, waren für ihn die Luftangriffe ein Glück. So makaber das klingen mag, doch Victor Klemperer galt nämlich nach den Rassengesetzen von 1935 als Jude. Erzählungen nach, wäre er wohl mit seiner Frau Eva am Freitag in der Woche des Angriffs deportiert worden. Doch durch die Angriffe konnte er der Deportation entgehen.

So schrieb er am 22. Februar in Piskowitz seine Erinnerungen an die den 13. und 14. Februar 1945 nieder. Durch die Luftangriffe auf Dresden entkamen Victor und Eva Klemperer der drohenden Deportation, die wahrscheinlich ihr Tod gewesen wäre.

 

Nein, nicht jeder könnte eine solche Geschichte zu den Luftangriffen auf Dresden erzählen. Doch jeder, der diese überlebte, kann eine Geschichte und zwar seine Geschichte dazu erzählen. Seine eigene und vor allem einzigartige Geschichte.

Geschichten nicht Geschichte.

Was sagt und jetzt diese doch ungewöhnliche Geschichte zu den Luftangriffen auf Dresden? Aus meiner Sicht erzählt diese Geschichte nicht 'die Geschichte' der Luftangriffe, wie man sie gewohnt ist, sondern ihre eigene ganz persönliche Geschichte. Geschichte ist immer abhängig, aus welcher Perspektive sie erzählt wird. Hier ganz besonders. Jeder Mensch, der die Luftangriffe überlebte, hat seine eigene persönliche und einmalige Geschichte zu den Ereignissen.

 

Klemperer, der mit seiner Frau zwar den ganzen Horror der Luftangriffe erlebte, durch die Bombardierung Dresden aber den Deportationen durch die Nationalsozialisten entgangen ist, zeigt wie vielseitig eine Betrachtung der Vergangenheit doch schließlich sein kann. Das gerade macht den Reiz einer Auseinandersetzung mit ihr aus. Es gibt nicht die Geschichte. Es gibt Geschichten. Es gibt Menschen, die ihre Geschichten erzählen. Natürlich gibt es dann auch noch Historiker, die Geschichtsschreibung betreiben anhand einer kritischen Auseinandersetzung mit den Quellen. Eben unter anderem solche Quellen wie die Notizen eines Victor Klemperer.

 

Victor Klemperer gilt in der Geschichtswissenschaft als einer der wichtigsten Chronisten aus der Zeit des Dritten Reichs. Er ist ein Mann, der Geschichte schrieb und das wortwörtlich.

 

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Die zitierten Stellen stammen aus:

Klemperer, Victor: Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933-1945,

Berlin 1995, Bd. 2, S. 661-672.

Eine kritische Auseinandersetzung mit Victor Klemperer:

Jacobs, Peter: Victor Klemperer: Im Kern ein deutsches Gewächs : eine Biographie, Berlin 2000.

Bilder:

(1) Grabstein Eva und Victor Klemperers in Dresden-Dölzschen 

Paulae, 7. April 2009. CC-BY-SA 3.0.

(2) Victor Klemperer am 2. Oktober 1954 als Kandidat zur Wahl der Volkskammer.

Bundesarchiv, Bild 183-26707-0001 / Höhne, Erich; Pohl, Erich / CC-BY-SA 3.0.

(3) Gedenktafel am Haus Weimarische Straße 6a in Berlin-Wilmersdorf

OTFW, Berlin, 23. August 2007. CC-BY-SA 3.0.

 


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